Besuch des Films „Anne Frank“ von Hans Steinbichler mit anschließendem Interview mit dem Regisseur

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Am 12.4.2016 hatte die gesamte 11. Jahrgangsstufe die Möglichkeit, sich im Fach Geschichte/Sozialkunde die neue Verfilmung des Tagebuchs der Anne Frank anzuschauen und sich anschließend in einem kritischen Diskurs mit dem Regisseur Hans Steinbichler ihre Fragen rund um filmische Machbarkeit, Bild- und Schnitttechnik, Entstehungsidee und Intention usw. beantworten zu lassen. Dabei betonte Steinbichler selbst, dass ihm sehr viel an den Fragen, Eindrücken und den Meinungen der Schüler gelegen sei – auch an Kritik bzw. Infragestellungen bestimmter filmischer Visionen. Während er den Schülern freundlich und aufgeschlossen Rede und Antwort stand, erklärte er den Schülern auch, dass es durchaus kritische Stimmen bezüglich seines Films gegeben habe und wie er mit diesen umgegangen sei. Eine davon ist die von Matthias Dell, der mit dem Regisseur und dem Film in seinem Spiegel-Online-Artikel mit dem Titel „Womit Schulklassen in Zukunft gelangweilt werden“ hart ins Gericht ging. Neugierig über die dort angeführte Kritik suchten einige Schüler am selben Tag diesen Artikel im Netz und diskutierten ihn u.a. via WhatsApp oder beim Abendessen mit ihren Eltern. Daraus erwuchs die Schüleridee des Geschichte- und Sozialkundekurses 1g3 eine Antwort auf den Kommentar von Matthias Dell gemeinsam zu verfassen. Lest selbst, zu welchem Urteil die Schüler gekommen sind. (StRin M. Wagner)

Ein Kommentar von einer gelangweilten Schulklasse zu dem neuen Anna Frank Film

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„Womit Schulklassen in Zukunft gelangweilt werden“, dachten wir uns auch, bevor der Film losging. Wir, ein Haufen „gelangweilter“ Schüler der elften Jahrgangsstufe, wurden von unseren Geschichtslehrern in die Verfilmung des Tagebuchs der Anne Frank geschleppt. Anschließend hatten wir die Möglichkeit, persönlich mit Hans Steinbichler ins Gespräch zu kommen. Besonders Wert legte Herr Steinbichler auf Kritik von unserer Seite. Sie war ihm also ein wichtiges Anliegen, wie er nach seiner Vorstellung vor unserem Jahrgang stark betonte.

Sehr geehrter Herr Dell,

in ihren Artikel sprachen Sie für uns, und legten dabei offensichtlich keinerlei Wert auf unsere Meinung. Ihr gewählter Titel vermittelt uns den Eindruck, dass Sie im Namen aller Schüler über die Verfilmung des Tagebuchs der Anne Frank sprechen. Während des Lesens ihrer Filmkritik zeichnet sich jedoch stark ab, dass Meinungen und Ansichten von Schülern gar nicht enthalten sind. Nun stellt sich uns die Frage, ob Sie überhaupt jemals mit einem Schüler über den Anne-Frank Film gesprochen haben.
Ihr Artikel ist nur so mit beleidigenden und zum Teil schlecht recherchierten Aussagen gespickt. Mit Freuden widerlegen wir nun Ihre beleidigenden Worte.
Wenn man sich ihre Kritik an der Handlung des Filmes genauer anschaut, kommt die Frage auf, ob Sie das Tagebuch der Anne-Frank jemals gelesen haben, denn sonst wäre Ihnen nämlich aufgefallen, dass die Tagebucheinträge fast wörtlich übernommen worden sind.
Des Weiteren beschweren Sie sich über die schauspielerische Leistung der gewählten Darsteller. Auch hier haben wir etwas entgegen zu setzen. Für Sie spielt es vielleicht eine Rolle, dass Papa Frank auch Nazi-Rollen spielte. Doch Sie vergessen dabei die vielen positiven Rollen, wie beispielsweise als Familienvater im Sams oder auch als der Philosoph Hans Jonas im Film über die jüdische Politik-Theoretikerin und Publizistin Hannah Arendt, die er zuvor gespielt hat. Außerdem sind Sie der Meinung, dass das Talent der Mutter Frank im Film untergeht. Doch wie man aus einem Interview Steinbichlers mit der SZ herauslesen kann, ist die Unbeliebtheit der Mutter so inszeniert, da sie auch im originalen Tagebuch so beschrieben wird. Hans Steinbichler hat sich, wie man es im Film sieht, sehr viele Gedanken gemacht, Anne Frank und ihr Umfeld so darzustellen wie es wirklich war und wie sie sich fühlte.
Außerdem ist die Verfilmung von Anne Franks Tagebuch nach Hans Steinbichler keinesfalls „uninspiriert bebildert“, weist sie doch in ihrer Schlichtheit und dem Fehlen von Special effects gerade auf die nüchterne, existentielle Not hin, in welche das junge Mädchen Anne aufgrund ihrer Glaubenszugehörigkeit gerät.
Betrachten Sie doch bitte einmal die Fakten: Bei der Verfilmung handelt es sich um eine szenische Umsetzung, die sich sehr stark am Originaltext des Tagebuchs der Anne Frank orientiert. Dabei möchte der Regisseur das Leben eines pubertierenden Mädchens mit all seinen Facetten darstellen. Das wird vor allem dadurch deutlich, dass man ihr Verhalten auch heute noch an fast allen Mädchen wiedererkennen kann und sich dadurch vor allem Mädchen mit dem Film und der Person Anne Frank identifizieren können. Zudem beinhaltet der Film einen sehr guten Ausgleich zwischen dem schrecklichen und angstvollen Leben der Juden während des Dritten Reiches und einem ganz normalen Mädchen, das sich verliebt, mit Freundinnen spielt, baden geht und sich auch mal mit seinen Eltern streitet.
Dadurch, dass der Film so wirklichkeitsgetreu wirkt, kann man sich gut in die Lage hineinversetzen. So werden Schulklassen damit nicht „gelangweilt“, ganz im Gegenteil, er regt zum Nachdenken an und hilft beim Verstehen der aussichtslosen Situation der Juden während des Holocaust.
Apropos Holocaust: Sie scheinen sich von dem Film zu erwarten, dass zum hunderttausendsten Mal das Drama der Holocaust-Thematik dargestellt wird. Hätte die Endlosschleife der an Hunger und Krankheit gestorbenen und ermordeten Opfer der Konzentrationslager, unter einem neuen Titel publiziert, ihren Ansprüchen genügt? „Holocaust Now“- das ist es wohl, was Ihnen im Sinne schwebt, wenn Sie von Bebilderung sprechen.
Wir Schüler hingegen fanden es gut, dass die Auswirkungen des Holocaust auch dargestellt wurden, ohne dass die Grausamkeit der Konzentrationslager gezeigt wurde.
Hätten Sie einen positiven Artikel zum Anne-Frank-Film geschrieben, wenn darin die Hauptfigur in den Hintergrund gerückt worden wäre und stattdessen eine Neuverfilmung des Holocaust veröffentlicht worden wäre?
Lieber Herr Dell, Kritik ist erwünscht, aber bitte nur, wenn sie Hand und Fuß besitzt. Ihre besteht nach einstimmiger Meinung unseres Kurses vollkommen aus heißer Luft. Es scheint uns, als hätten Sie diese Kritik nur geschrieben, um den Film schlecht zu machen zu machen und so Aufmerksamkeit zu erzielen.
Schlussendlich lässt sich zu ihrer Kritik nur noch eins sagen, um hier ihre Worte aufzugreifen: Das Gute an der schlecht geschriebenen Kritik am Anne-Frank-Film ist allerdings, dass man solche Merkwürdigkeiten immer mit Unfähigkeit entschuldigen kann.

Mit freundlichen Grüßen,

Ihre „gelangweilten“ Schüler des Gymnasiums Penzberg

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