Kunstreflexion zu der Frage: Freiheit – was ist das?

Eine Frage, die sehr schwer zu beantworten ist. Ich möchte dennoch den Versuch wagen.

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Wenn ich persönlich von Freiheit spreche, dann meine ich meistens die Freiheit, all das tun zu können, was mir gerade in diesem Moment in den Sinn kommt, ohne an mögliche Einschränkungen und Folgen denken zu müssen. Doch ist das wirklich Freiheit? Bin ich denn wirklich frei, wenn ich alles machen kann? Oder bin ich auch dann nicht vielmehr als ein Gefangener meiner eigenen Gedanken, Wünsche und Bedürfnisse (welche letzten Endes ja auch durch meine Umgebung beeinflusst werden und mich somit von etwas abhängig machen und somit einschränken!)? Was bedeutet denn Freiheit? Frei(heit) von Abhängigkeit? Ist Freiheit gleichzusetzen mit Unabhängigkeit? Wo liegt der Unterschied zwischen Freisein und Freiheit?
Das Leben eines jeden Individuums ist ein Wechselspiel zwischen ihm und seiner Umwelt. Ob Tier oder Pflanze – jedes Lebewesen braucht eine Umwelt, um zu existieren und ist dementsprechend auf diese bis zu einem gewissen Punkt angewiesen, manche mehr, manche weniger. Und so ist nichts gänzlich autonom und in diesem Sinne frei.


Den Entstehungsprozess meines Plakates würde ich eher als assoziativ beschreiben, ohne ein zuvor bestimmtes Konzept oder eine eindeutige Aussage. So tauchen einige Objekte auf, welche vielleicht nicht direkt der typischen und eindeutigen Darstellung von Freiheit entsprechen, sondern eher die für mich nächste Ausdrucksmöglichkeit waren. Einzig die Betrachtung des gegenseitigen Einflusses von Freiheit und ihrer Negation könnte man als zentrales Motiv und Leitfaden der Arbeit nennen.
Das Meer, dessen Geruch von fernen Ländern und Menschen kündet. Das Meer, welches für Weite, Freiheit und den Ursprung des Lebens steht. Das Meer, das unendliche Weiten bietet, das einen Kilometer über seinem Grund schweben, nahezu fliegen lässt! Das Meer, welches seine äußere Form so stark verändern kann. Das Meer, das so wild und unbändig wie zart sein kann, ist für mich der Inbegriff der Freiheit. Inmitten dieser wilden Naturgewalt eine Flaschenpost, die gleich mehrere Symbole von Freiheit bzw. der Nicht-Freiheit birgt: Sie wird im Sinnbild meist von einer Person losgeschickt, welche sich in irgendeiner Form der Gefangenschaft befindet, mit Worten versehen, die auf Befreiung hoffen. Hier jedoch ist der Sinn umgekehrt: Die Flasche, welche „freigelassen“ wurde, tanzt nun durch die Wellen, und anstelle der um Hilfe und Freiheit bittenden Worte ein Stein, welcher die Flasche kaputtgemacht hat und so ihren Untergang verursachen wird, denn der Stein wird ungehindert der freien Wildheit des Meeres ganz konsequent bis zum Grund des Meeres vordringen und erst Halt machen, wenn er diesen erreicht hat. Die Flasche, welche zuvor so frei auf den Wellen tanzte, wird mit ihm hinuntergezogen. An dem Stein eine schwere Eisenkette, für die Nicht-Freiheit stehend, aus der sich wiederum die Negation der Nicht-Freiheit, nämlich Wolken, bilden.
Wolken, die alles von oben betrachten, die um die ganze Welt reisen und so frei zu sein scheinen. Wolken, die sprichwörtlich Heimatort der Träume sind (in denen auch alles möglich ist, in denen man absolut frei sein kann). Wolken, die manchmal so fest und massiv am Himmel stehen, dass man meint, sie müssten einen doch halten und mit wildem Glück erfüllen, wenn man reinspringen würde. Wolken, die im Prinzip nichts als eine Illusion sind, denn sie können sich innerhalb von kürzester Zeit auflösen, wie auch die Freiheit. Denn wenn man in die Wolken hineinspringt ohne nachzudenken, lassen sie einen fallen. Wenn man sich ebenso unüberlegt und ohne jegliche (freiheitseinschränkende) Vorkehrung in die absolute Freiheit stürzt, wird man schnell Gefangener seiner Sterblichkeit. Denn der Mensch ist nun mal ein Wesen, welches immer beschränkt sein wird, dessen Wahrnehmungsmöglichkeiten beschränkt sind, und das infolgedessen manche Seins-Zustände nie erreichen wird. Aus den Wolken ergießt sich wiederum ein blutiger Wasserfall (ein Tribut der Unfreien an die Freiheit) in das freie Meer.
Ein unumstrittenes, alles relativierendes und in diesem Falle Freiheit einschränkendes Medium ist die Zeit. Gänzliche Freiheit wird man allein deshalb nie erlangen, weil die Zeit alles einschränkt. Sie teilt unser Handeln in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ein. Sie schränkt es in jeglicher Hinsicht mal mehr, mal weniger ein. Die „Sonnenuhr“ steht für die Zeit, die man nie unterschätzen sollte, die eines jeden Menschenlebens Anfang und Ende bestimmt. Und eine Sonne deshalb, weil in ferner Zukunft ein Zeitpunkt erreicht werden wird, an dem die Sonne sich soweit ausdehnt, dass sie die Erde und all ihre ach so großen Menschen mit ihren großen Gedanken und großen Taten, ihren schrecklichen Kriegen und Gräueltaten, ihren Errungenschaften und Leistungen, kurz: die Menschen mitsamt ihrer ganzen Geschichte ganz einfach schlucken wird und nichts mehr von uns kleinen beschränkten Wesen überbleiben wird. Es wird nicht einmal mehr der kleinste Hinweis auf unsere Existenz übrig bleiben. Die Sonne soll den Betrachter daran erinnern, dass wir unserem Denken und Tun nicht zu viel Bedeutung beimessen, sondern uns mehr auf das Leben konzentrieren sollten, auch bei der Suche nach der perfekten vollkommenen Freiheit, denn dann ist vielleicht etwas mehr Leichtigkeit und Freiheit in unser aller Leben.
Der Backsteinkäfig mit der kaputten Mauer und den Flügeln thematisiert etwas eindeutiger die Freiheit und ihre einschränkenden Faktoren: Ein simpler Drahtkäfig mit solch großen Schwingen versehen könnte möglicherweise tatsächlich fliegen, weshalb ich mich gegen einen Vogelkäfig entschieden habe, um den Kontrast noch mehr hervorzuheben. Anstelle des Namens des Vögelchens steht ein Filmzitat auf dem Käfig: „Nur wer das Nichts in sich entdeckt und die Werte aus sich selbst schöpft, ist wirklich frei und ein Spieler“ Dieses Zitat ist für mich zu einer Art Anleitung geworden, meine persönliche Freiheit zu finden. Sie sagt mir, wo ich danach suchen muss: in mir selbst. Ähnlich der Vorstellung der Shaolin-Mönche besagt das Zitat, man müsse erst die Leere in sich selbst schaffen und sich von jeglicher Fremdbestimmung losmachen, um absolute Freiheit zu erlangen, bzw. eine neue Bewusstseinsebene, von der aus man eine neue Sicht auf die Welt und ihre Zusammenhänge hat, da man ja nun alles so sieht, wie es wirklich ist, ohne verfälschende Fremdeinflüsse auf die Sinne. Dieser „Bewohner“ (das Zitat/die Anleitung zur Freiheit) hat sich aus seinem backsteinernen, flug- und freiheitsunfähigen Käfig befreit, denn Freiheit kann man weder festhalten noch einsperren, auch wenn es nur ist, um sie zu begreifen.
Manche Barrieren baut man sich selber. Das ist der Gedanke, den ich mit den Händen am Gefängnisgitter darstellen wollte. Unklar ist, von welcher Seite die Hände an das Gitter greifen: von innen oder von außen? Auch sind die Gitter weiß und nicht schwarz oder metallen, schattiert und nicht erkennbar verankert, sondern scheinen in einer Art schwarzem Farbklecks verankert zu sein bzw. in ihn überzugehen. Es ist kein zwingend reales Gitter, wie z.B. der Käfig real dargestellt ist. Die Hände, die es umfassen, sind besprenkelt mit den Farben Rot, Gelb und Grün, den Farben der Rastafaris, deren Lebensstil ein sehr freier und naturverbundener ist und dessen symbolische Verwendung mir in diesem Fall als gutes Gegenstück zum industriellen, „unnatürlichen“ Stahl diente. Auch stehen diese Farben für mich für die Kreativität und die Freiheit der Fantasie. Was ich damit sagen will, ist: Die Freiheit und die Fantasie sind dem Menschen selbst gegeben, und jeder kann sich aussuchen, was er damit macht, und ob er mit seiner Fantasie Flügel erschafft oder Gitter, von denen er sich einsperren lässt.
Das Ergebnis dieser zeichnerischen Erschließung des Begriffs „Freiheit“ ist für mich zum einen die Erkenntnis der Abhängigkeit der Freiheit von der Nicht-Freiheit, denn ohne Nicht-Freiheit wüsste keiner, was Freiheit bedeutet und ebenso umgekehrt! Freiheit existiert lediglich durch die Abwesenheit der Nicht-Freiheit. Und zum anderen ist es die Erkenntnis, dass absolute Freiheit nie erreicht werden kann, ein unerreichbares Gut, ja vielleicht sogar eine Illusion ist, der der Mensch erliegt. Was dieser Freiheitsvorstellung am nächsten kommt, ist die Fantasie. Mit ihrer Hilfe kann man nahezu alles erreichen. Man kann in seinem Kopf alles erschaffen, kreativ sein, ohne auch nur einen Pinsel in die Hand zu nehmen. Gefühle erzeugen, sich Szenen ausdenken, welche so nie stattfinden würden, sich seinen geheimsten Wünschen und Lüsten hingeben, ohne Angst haben zu müssen, dass irgendjemand einen dafür verurteilt. Reich sein, ohne einen Gedanken an Geld zu verschwenden. Kurz: tagträumen und sein. Freiheit in ihrer reinsten Form. Kreativität und Fantasie vereinen sich in der Kunst, in der auch nahezu alles möglich ist. Auch der Kunstbegriff ist ähnlich abstrakt und schwierig zu erschließen, weist jedoch meiner Meinung nach einige Parallelen zur Definition der Freiheit auf, weshalb ich meine Arbeit „Freiheit – was ist das?“ / „Kunst – was ist das?“ betitelt habe und es so aufgeschrieben habe, dass man das Wort „Kunst“ auch als Antwort auf die erste Frage lesen kann.
Ich wünsche in diesem Sinne viel Fantasie und ein leichtes Sein!
Diego Fangmann, Q11

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