Überwachung in China

Von bestätigten und widerlegten Vorurteilen

Artikel 19

Im Rahmen eines zweiwöchigen Austauschs mit der Penzberger Partnerschule in Shanghai hatte ich die Gelegenheit, mir ein Bild über die strenge Überwachung des chinesischen Volkes durch die Regierung zu machen. Meine Vorurteile wurden ebenso bestätigt wie zugleich außer Kraft gesetzt.

Für eine Woche war ich bei einer chinesischen Familie untergebracht, deren Sohn, mein Austauschpartner, auf die „Highschool affiliated to Shanghai University“ ging. Sie gehört zu der Universität, welche sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite der Schule befindet. Daraus lässt sich schon folgern, dass diese Schule sehr elitär ist; wer dort hingehen will, muss sich an gewisse Regeln halten.

Was mich als erstes verdutzte, waren die Wachmänner am Eingang der Schule, die jeden mit ihren Blicken musterten und 24 Stunden am Tag zugegen waren. Auch nicht zu übersehen waren die immer wieder auftauchenden Säulen, welche mit Überwachungskameras und Mikrofonen bestückt waren und somit alles aufzeichneten, was von wem gesagt wurde. Außerdem habe ich nicht ein einziges Klassenzimmer betreten, das nicht mit derselben Kombination aus Mikrofon und Kamera ausgestattet gewesen wäre.

Ich habe zwei Tage lang überlegt, ob ich meinen Austauschpartner auf die Kameras wohl ansprechen könnte, und überlegte mir, wie er wohl reagieren würde, wenn ich ihn fragen würde, was er von diesen strengen Maßnahmen hält. Ich dachte mir, dass Chinesen diesem Thema eher aus dem Weg gehen würden. Meine Erwartung, dass er mir ehrlich antworten würde und keine Angst vor der mithörenden Regierung hätte, war nicht sehr hoch. Umso überraschender war es für mich, als er ganz offen antwortete, dass er diese ganze Überwachung ziemlich dämlich fände und er insofern nicht sehr viel von der Regierung hielte. Auch bei verschiedenen Vorführungen, die die Schule für uns deutsche Schüler vorbereitet hatte, um sich von ihrer besten Seite zu zeigen, schreckte er nicht davor zurück, mir kopfschüttelnd zu sagen, wie peinlich und verlogen diese Aufführungen seien und dass die Schule sich viel besser darstelle als sie eigentlich sei.

Was mich dann noch mehr erstaunte, war eine Art Diskussionsrunde, die wir deutschen Schüler mit den chinesischen Schülern führen durften. Wir saßen um einen großen runden Tisch. Jeder hatte ein eigenes Mikrofon und ein Namensschild. Es gab einen Moderator, der verschiedene Themen einleitete, und das chinesische Staatsfernsehen war auch anwesend, um das Geschehen zu dokumentieren. Als ich merkte, dass mein Austauschpartner, der neben mir saß, sich mit seinem Handy beschäftigte, stellte ich mich auf eine komplett durchgeplante und inszenierte Diskussionsrunde ein. Doch genau das Gegenteil war der Fall. Die Chinesen stellten uns systemkritische Fragen wie zum Beispiel, ob wir in Deutschland Beziehungen führen dürften. Dabei fingen sie an, über ihre Schule herzuziehen. Sobald man einen Jungen und ein Mädchen zusammen auf dem Schulgelände sichte, würden sie sofort auseinander gebracht und öffentlich gedemütigt. Die Schüler nahmen bei dieser Gesprächsrunde eindeutig kein Blatt vor den Mund und sagten ihre Meinung über das Staatssystem.

Das meine ich damit, wenn ich sage, dass meine Vorurteile bestätigt wie gleichzeitig widerlegt worden sind: Der chinesische Staat scheint alles und jeden zu überwachen. Und es gibt gewisse Bestrafungen, sobald man aus der Reihe tanzt. Dennoch scheinen mir die Jugendlichen keine große Scheu davor zu haben, sondern vielmehr ihre Meinung zu sagen.

Ferdinand Stadler, 10A

3 Gedanken zu “Überwachung in China

  1. Zimmermann schreibt:

    insgesmat ein echt toller artikel, sehr informativ und richtig spannend.
    Ein lob an den autor der einen super beitrag an die Schülerzeitung geliefert hat, Danke

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