Auf der Suche nach dem Finden

Eine Holzfigur und ihre Geschichte

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Ich sehe sie dort stehen, die Skulptur. Sie steht verloren im Trubel der Menschen, ihr Herz trägt sie in den Händen. Ich gehe auf sie zu und betrachte sie. Wie ich so vor der Figur stehe, scheint die Zeit immer langsamer zu werden. Und je länger ich die hölzerne Form, voll Struktur und Dynamik, ansehe, beginnt sie, mir ihre Geschichte ins Ohr zu flüstern.

„Hallo Freund, es ist schön dich zu treffen. Ich bin auf der Suche nach dem Finden, und mit einem Freund an der Seite ist kein Weg zu lang. Du fragst dich wohl, was mich an genau diesen Ort gezogen hat; nun, ich werde es dir verraten. Ich komme aus einer Stadt, von weit her. Dort, wo keiner den anderen mehr beachtet oder schätzt, wo die unausgesprochenen Grundsätze Anonymität und Egoismus sind und dort, wo keiner mehr zu den Sternen aufblickt. Doch ich war anders. Ich sehnte mich nach Geborgenheit und danach, meinem immerwährenden Alltag zu entkommen. Ich betrachtete die Dinge mit offenen Augen und ließ mich nicht von den Vorurteilen der Masse täuschen. Mein ganzes Leben lang war ich, Tag ein Tag aus, dem Wirbel der Menschenmengen ausgesetzt, ohne auch nur eines Blickes gewürdigt zu werden, so schien es mir. Oft sah ich zum Himmel auf, der umrahmt von dunklen Häuserfassaden war, wie der Zaun um die unendliche Freiheit. Oft staunte ich, wenn die Vögel über mir ihre Luftakrobatik vollführten und noch öfter wünschte ich mir die Leichtigkeit, mit der sie über den Dingen schwebten. Nein, zufrieden war ich wohl nicht, aber ich hätte mir auch kein anderes Leben vorstellen können. Wie auch? Ich hatte nie zuvor die Welt gesehen und wusste nicht, wie sie aussieht, die Freiheit. Ich konnte nur immerzu zum Himmel aufblicken.

Nun kam eines Tages ein Mensch direkt auf mich zu. Ich war furchtbar erstaunt und auch ein klein wenig misstrauisch, denn nie zuvor hatte mich jemand wirklich aufmerksam betrachtet. Doch nach und nach bewunderte ich ihn, denn ich hatte das Gefühl, er blicke mir direkt ins Herz und fühle genau wie ich. Und der Mensch erzählte. Von fernen Ländern, von anderen Welten, von vielen alten Freundschaften, vom Weg der Vögel und von dem, was hinter dem Horizont steckt… und vor allem von den wichtigsten Dingen im Leben: Liebe und Vertrauen. Er wusste genau, dass ich nur davon träumte, und so kam der Mensch tagtäglich wieder und erzählte und erzählte und erzählte, so dass ich die Bilder, aus Worten gewoben, lebendig vor mir sehen konnte. Je mehr ich hörte, desto mehr spürte ich das Vertrauen und die Liebe: zu mir selbst, zu unserer wunderbaren Erde und zu meinem Freund, dem Menschen. Der Wunsch, es ihm gleich zu tun und um die Welt zu reisen, um Freundschaften zu schließen und den Vögeln zu folgen, wuchs stetig. Und eines Tages nahm der Mensch, als hätte er es mir von den Augen abgelesen, mich mit.

Jetzt, mein Freund, weißt du, wie ich hierher gelangt bin. Ich bin hier um zu finden: Liebe und Vertrauen – und Geschichten, um sie einst einem Freund zu erzählen. Besuche mich bald wieder, ich werde dich auf die nächste Reise mitnehmen.“

Die Welt beginnt sich langsam wieder zu drehen, aber ich kann trotzdem noch immer klar und deutlich in das Herz der Skulptur sehen. Ich kenne erst einen Bruchteil ihrer Geschichte, aber es wird tagtäglich mehr und zusammen werden wir sie weiter spinnen. Ich betrachte die Skulptur noch ein letztes Mal. Groß und hölzern steht sie da im Trubel – unter lauter Freunden.

Hannah Hoffmann, 10A

Veröffentlicht in: Sport

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